Beziehung und Leistung

Von dreissig Pferden, die bei einem Reitstall in unserer Nähe eingestellt sind, sind ausschliesslich  Frauen die Halterinnen; man könnte meinen, der Breitensport ist in dem Bereich ausschliesslich weiblich. Die Championate im Springreiten dagegen und der Leistungssport sehen fast ausschliesslich Männer vorn - da gibt es noch keine gesetzliche Quote. Woran liegt diese Verteilung? - herausgegriffen an diesem Beispiel und doch so typisch für unsere Gesellschaft.

Beobachtet man die Halterinnen im Umgang mit ihren Pferden - wie sie die Tiere an der Longe trainieren, ausreiten, pflegen, striegeln, den Stall säubern, dabei ihrem Pferd immer wieder gut zureden und loben:  ein meist ruhiger, besonnener Umgang, geprägt von Zuneigung und Fürsorge. Manchmal vielleicht ein bisschen zu fürsorglich. 
Aber Leistung oder gar Hochleistung? Keine Spur. Vor
 allem scheint es ihnen um die Beziehung zu dem Tier zu gehen. Beziehung um ihrer selbst willen, Beziehung als Selbst-Zweck. 

Dagegen auf den Springturnieren, da geht es um hohe Konzentration, um Zehntelsekunden, um Anzahl der Abwürfe, um Doping und Medikamente, um Gewinnen oder Verlieren. Da geht es
um - ja, Leistung. So, wie wir Leistung eben üblicherweise und oft automatisch definieren.
Da geht es kaum um Beziehung; und wenn, dann als 
Mittel-zum-Zweck - des Gewinnens.

In den Firmen, die wir beraten, gibt es ganz häufig eine unerhört hohe Leistungsorientierung: 
- die (manchmal schwerreichen) Besitzer werden kaum müde zu betonen, dass es ihnen auch  
  noch um den letzten Euro geht; 
- der Einkauf schickt an die Zulieferer des Unternehmens Briefe in unverhohlener Häme, um die
   nächsten 5% Skonto zu schinden; 
- da pressen deutsche DAX-Unternehmen ihren Lieferanten ein Zahlungsziel von 120 Tagen ab; 
- ein amerikanischer Konzern übernimmt einen gesunden deutschen Mittelständler und liefert in 
  den nächsten 6 Monaten ein Beispiel nach dem anderen dafür, dass ihnen die Beziehung zu und
  zwischen den deutschen Mitarbeitern geradeheraus sch … egal ist
- da „zentralisiert“ ein deutscher Mittelständler in einem mehr als unbeholfenen Prozess Bereiche aus den Tochterunternehmen und riskiert hohe „Colateralschäden“ durch Fluktuation guter Mitarbeiter:

Das alles unter dem üblichen Leistungs-Verständnis. 

Das Diktat der auf das Ökonomische reduzierten Leistung riskiert für die nächsten 10% Profit leider allzu oft 90% der Beziehungsqualität.

Gerne treten wir hier dafür ein, dass das ausgetrocknete und saftlose Verständnis von „Leistung“ viel weiter gefasst und gehandhabt wird: Der Wert eines Unternehmens bemisst sich nach der Qualität seiner Beziehungen. 
Es geht also nicht um „entweder Leistung oder Beziehung“. Es funktioniert nicht bipolar, sondern nur integriert:  Nur mit einer langfristigen exzellenten Beziehung kann eine dauerhafte exzellente Leistung entstehen - statt auf (Beziehungs-) Verschleiß zu fahren, geht es um langfristige Prosperität. 

Es geht um bewusste Gestaltung von Beziehung als einem wesentlichen Bestandteil von nachhaltiger Leistung - eine Leistung ohne gute Beziehung ist keine Leistung, das ist ökonomische Kurz-Sichtigkeit.

Idealisierung liegt mir fern, aber vielleicht sollte man sich mehr Pferdehalterinnen in den Chefetagen wünschen.


Herzliche Grüsse

Thomas Huber