„Palatinit“, oder „Denn sie wissen nicht, wovon wir sprechen … "

Wissen sie, was Palatinit ist?

Kürzlich war ich im Rahmen einer Werkbesichtigung bei einem großen Zuckerverarbeiter. Eine kluge, eloquente Mitarbeiterin führte das anwesende (Fach)-Publikum in die hohe Kunst der Palatinit-Herstellung ein.

Jetzt gehe ich mal davon aus, dass ich mit einer zufriedenstellenden Portion Intelligenz und einer recht ordentlichen Auffassungsgabe durchs Leben gehe. (Allein mein Soziologiestudium sollte den Verdacht bestätigen, dass ich in der Lage bin, mit abstrakten Theorien und Modellen gut zurecht zu kommen).

Aber: Nach 45 Minuten musste ich mir eingestehen: Im Palatinit habe ich meinen Meister gefunden: am Ende hatte nicht die geringste Vorstellung davon, worüber die Dame so engagiert gesprochen hatte -  „Brötchen“ im Kopf, wie es so schön heißt, aber weit und breit „kein Palatinit“. 

Und keinerlei vertraute Synapsen, an die der neue Stoff sich anlagern, keine Assoziationen, die eine Anbindung des Neuen an das Alte hätten erleichtern können.



Mir ist während und nach diesem Vortrag etwas klar geworden: Das, was wir unseren Kunden in so manchem Strategieprozess zumuten, hat für viele sicher erstmal auch etwas von „Palatinit“. 

Seither ist in unseren internen Teambesprechungen „Palatinit“ die Metapher dafür, dass das, was wir unseren Kunden in der Beratung und den strategischen Projekten abverlangen, unbedingt auf den „Palatinitanteil“ überprüft werden muss.

Und dass wir uns immer wieder fragen müssen: „achten wir ausreichend auf unsere Zielgruppe?“

Aus vielerlei eigenen Erfahrungen wissen wir, dass die so oft ersehnte „ein-Seminar-Strategie“ (auch „Druckbetankung“ genannt) eine nachvollziehbare Hoffnung sparsamer Auftraggeber ist. Aber letztlich bleibt sie eine Illusion. 

Auch gutwillige, intelligente und „gestandene“ Mitarbeitende haben oft wirklich große Mühe, auf Anhieb mit dem Prozess und den Modellen klar zu kommen, auf die es in einer guten Strategie-Arbeit, dem Planen und Umsetzen der Veränderungen in der Praxis ankommt. 

Denn meist ist dieses Herangehen Neuland gleich auf 3 Ebenen

  1. inhaltlich müssen neue Modelle, neue „Verständnis-Systeme“ erfasst und auf die eigene Situation übertragen werden 
  2. strategische Planung und  strategische Umsetzung als Teil der Führungsrolle kommt neu hinzu
  3. die Durchführung und Steuerung auf der Prozessebene ist meist ebenso ungeübt.

Ganz klar: Wenn man den aktuellen Stand der Lernforschung zu Rate zieht, braucht Wissensverankerung immer ein sinnenhaftes Anknüpfen an schon vorhandenes Wissen oder Erfahrungen. 

Und ein sicheres Verankern auf diesen 3 Feldern braucht natürlich viele gute Beispiele und eine exzellent aufbereitete Modell- und Prozessvermittlung.

Aber erst ein ermutigendes und beharrliches Begleiten in der ersten eigenen praktischen Umsetzungsschleife (durch interne oder externe Prozess-Supervision) sorgt für die individuelle Kompetenzverankerung und Sicherheit, die diese Aufgabe benötigt.


Trotzdem: Viel Vergnügen und Experimentierfreude bei Ihren Veränderungsprojekten:

"Erfahrung macht den ... Prozess".



Herzliche Grüsse

Thomas Huber